Phänomene der »Behinderung« im Alltag

Band 8

Cordula Nolte (Hg.)

Phänomene der »Behinderung« im Alltag

Bausteine zu einer Disability History der Vormoderne

368 Seiten mit 6 Diagrammen und
26 Tafeln mit 34 farbigen und 10 s/w Abbildungen
16,5 x 23,5 cm, gebunden
€ 69,–
ISBN 978-3-939020-28-8

Der Umgang mit langfristiger Krankheit, Gebrechen sowie verschiedenen Formen und Ausprägungen körperlicher und geistig-seelischer Abweichung gehört seit jeher zum Alltag menschlicher Gemeinschaften. Disability History untersucht den Umgang mit dem menschlichen Körper in seiner Vielgestaltigkeit, Veränderbarkeit und permanenten Gefährdung im Wandel der Zeit. In Deutschland wird Disability bisher jedoch vorwiegend als ein spezifisch modernes Phänomen untersucht, mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaften wurden bisher kaum berücksichtigt. Um die Grundlagen für eine epochenübergreifende Perspektive in diesem Feld zu schaffen, widmet sich die Arbeitsgruppe »Homo debilis« an der Universität Bremen dem Vorhaben, eine systematische Disability History der Vormoderne zu erarbeiten. Disability wird dabei als eine neue, grundlegende Analysekategorie historischer Forschungen auch für die Vormoderne nutzbar gemacht. Der Sammelband »Phänomene der ›Behinderung‹ im Alltag. Bausteine zu einer Disability History der Vormoderne« führt Beiträge sowohl von bekannten Spezialist_innen auf dem Gebiet der internationalen Disability History als auch von Nachwuchswissenschaftler_innen zusammen. Im Hinblick auf die soziale Dimension von Disability werden vormoderne Herrschafts-, Lebens- und Beziehungsformen, die Rolle der Religion und die Bedeutung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit untersucht. Die Beiträge gehen auf die internationale, interdisziplinäre Tagung »LeibEigenschaften. Phänomene der ›Behinderung‹ im Alltag der Vormoderne« (Universität Bremen, 1.−4. März 2012) zurück. Mit grundlegenden methodischen Überlegungen, quellengestützten Fallbeispielen und Einblicken in aktuelle Forschungsvorhaben bietet der Band wichtige Bausteine, um der bekannten Forderung der Disability History gerecht zu werden: »Like gender, like race, disability must become a standard analytical tool in the historian’s tool chest« (Longmore/Umansky, 2001).

Inhalt

Cordula Nolte: Disability History der Vormoderne – Umrisse eines Forschungsprogramms; Sonja Kinzler: Wissenschaftstransfer in eine barrierefreie Ausstellung. Anmerkungen zur inhaltlichen Konzeption der Ausstellung »LeibEigenschaften. Der ›beschädigte‹ Körper im Blick der Vormoderne«; Bianca Frohne: »Skolastica ist plint«. Überlegungen zu einer Disability History der Vormoderne anhand familiengeschichtlicher Aufzeichnungen des 15. und 16. Jahrhunderts; Daniel Blackie: Disability in the Preindustrial West: A North American Perspective; Iris Ritzmann: Abschied von Zuhause. Grenzen familiärer Betreuung »behinderter« Kinder und Jugendlicher im 18. Jahrhundert; Irina Metzler: Behinderte Menschen im Mittelalter: Momente der Alltagsgeschichte zwischen Bedürftigkeit und Misstrauen; Ivette Nuckel: »Die sullen sein alt, kranck und arm …« Unterstützung und Versorgung beeinträchtigter Handwerker im norddeutschen Raum des Spätmittelalters; Karolina Meyer-Schilf: »dazu jch jedem raten wil / er buw vff kriegen nit zu vil«. Grundüberlegungen und Forschungsperspektiven zum Umgang mit Kriegsinvalidität im Spätmittelalter; Simone Kahlow: Archäologische Erkenntnisse zu medizinischen Tätigkeiten auf Schiffen der Frühen Neuzeit; Jana Sonntag: »blödigkeit des gesichts« und »imbecillitas ingenii«. Zur Erziehung von Fürstensöhnen mit körperlichen oder geistigen Schwächen; Patrick Schmidt: Die sozialen Eliten und der Umgang mit körperlichen Beeinträchtigungen. Ein Beitrag zur Diskursgeschichte von ›Behinderung‹ im 17. und 18. Jahrhundert anhand britischer und französischer Periodika; Sonja Kerth: »sîme volke er jâmers gap genuoc«. Der im Kampf versehrte Herrscher in Wolframs von Eschenbach »Parzival«; Christina Vanja: Die Sichtweise eines Küchenmeisters. Menschen mit Behinderungen im Spiegel frühneuzeitlicher Quellen zur Alltagsversorgung im hessischen Hospital Haina; Jenni Kuuliala: The Experience of Childhood Impairments in Later Medieval (c. 1200−1400) Canonisation Processes; Swantje Krause: Knochen als Indikatoren für historische Lebensumstände im Kontext des »homo debilis«; Ulf Christian Ewert: Beeinträchtigungen und Beschädigungen des Körpers in Sachsen im 18. und 19. Jahrhundert. Möglichkeiten der Auswertung von Militärakten; Christina Lee: The Measure of Man: Behinderung und Krankheit bei den Angelsachsen; Klaus-Peter Horn: Das Lachen der Anderen. Hohn und Spott im Umgang mit blinden Menschen im Spätmittelalter; Alexandra Tacke: Wahlverwandtschaften zwischen der heiligen Odilia und Ottilie in Goethes »Wahlverwandtschaften« (1809); Robert Jütte: Disability History der Vormoderne – eine Nachbetrachtung; Cordula Nolte: Begriffe und Merkmale vormoderner »Disability« – Beobachtungen zum Arbeitsstand.

Herausgeberin

Cordula Nolte ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Bremen.