Ein Zentaur in London

Band 1

Fabian Krämer

Ein Zentaur in London

Lektüre und Beobachtung in der frühneuzeitlichen Naturforschung

440 Seiten mit 19 s/w Abbildungen und
8 Tafeln mit 10 meist farbigen Abbildungen
16,5 x 23,5 cm, gebunden
€ 39,–
ISBN 978-3-939020-42-4

Mit der »Wissenschaftlichen Revolution« wird ein zentrales Gründungsnarrativ der Moderne zunehmend in Zweifel gezogen. Der Band zeigt, dass es keine plötzliche Abwendung von der Buchgelehrsamkeit zugunsten des Empirismus gab, und leistet so einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion.
Die mehrfach international ausgezeichnete Arbeit weist nach, dass Lesen und Beobachten für Naturkundige lange keinen Gegensatz darstellten. So gingen eigene, detailliert protokollierte Beobachtungen bei ihnen Hand in Hand mit aus der Literatur zusammengetragenen Berichten und Bildern. Phänomene, die modernen Lesern unglaubwürdig erscheinen, wurden dadurch über Jahrhunderte hinweg tradiert – die Geburt eines Fohlens mit Menschenkopf etwa, der sagenumwobene Basilisk, dessen Blicke töten konnten, oder weit im Osten vermutete »monströse Menschenrassen«.
Der Verfasser zeigt, dass das Lesen als Modus der Wissensproduktion mit dem frühneuzeitlichen Aufstieg der Beobachtung nicht an Bedeutung verlor. Die Lektürepraxis veränderte sich aber ebenso substantiell und folgenschwer wie die Beobachtungspraxis. Für die Auseinandersetzung »aufgeklärter« Naturkundiger mit »Fabelwesen« wie Zentauren war gerade die »kritische« Lektürepraxis zentral, nicht die Beobachtung.

Autor

Fabian Krämer wurde mit dem vorliegenden Text an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promoviert. Die Dissertation ist im Rahmen des von Lorraine Daston geleiteten Forschungsprojekts zur History of Scientific Observation am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin entstanden und wurde mehrfach international ausgezeichnet. Im Anschluss hat Fabian Krämer an der Columbia University in New York und am Warburg Institute in London zu einer aufschlussreichen Episode in der Geschichte des gelehrten Lesens geforscht: zum erhaltenen, 83-bändigen Notizbuch, in das der einflussreiche erste Professor für Naturgeschichte an der Universität von Bologna, Ulisse Aldrovandi (1522−1605), seine Lektürenotizen ablegte. Seit 2012 arbeitet Fabian Krämer am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er arbeitet zur Wissenschaftsgeschichte von der Frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert und interessiert sich besonders für die Geschichte des Gegensatzes zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften. Er hat zur Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung und des gelehrten Lesens, zu wissenschaftlichen Bildern und zur Entwicklung der medizinischen Fallgeschichte publiziert.