Die Gesellschaft der Nichtsesshaften

Gerhard Ammerer und Gerhard Fritz (Hg.)

Die Gesellschaft der Nichtsesshaften

Zur Lebenswelt vagierender Schichten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert

248 Seiten mit 24 s/w Abbildungen und
2 Graphiken
16,5 x 23,5 cm, Broschur
€ 34,–
ISBN 978-3-939020-82-0

Manch einer von den Lesern und Leserinnen wird bei der Erwähnung von Nichtsesshaften oder Vaganten zunächst an die trinkfeste und lebensfrohe mobile Gesellschaft der Carmina Burana denken, möglicherweise auch an die mythologisierten historischen Figuren der »edlen Räuber« vom Typ Robin Hood, wie sie Räuberlieder und -romane des späten 18. Jahrhunderts besungen haben und die noch heute via Fernsehen das allgemeine Bewusstsein (falsch) prägen. Eine solche Vagantenromantik wird den Tag für Tag von der Hand in den Mund lebenden, herren- und besitzlosen Nichtsesshaften jedoch in keiner Weise gerecht. Nachdem die Kriminalsoziologie seit langem die Aufhebung der rigiden Trennung zwischen der Welt der Konformen und der Welt der Abweichler einfordert, versucht dieser Themenband sich unter verschiedenen Herangehensweisen den Sinnstrukturen und Sinnzusammenhängen der Welt der Landstraße zu nähern. Gefragt wird nach der vielfältigen Verzahnung von Nichtsesshaften und ansässiger Bevölkerung, nach obrigkeitlichen Strategien und Gegenstrategien, die einen konstitutiven Bestandteil der Alltagspraxis der »winzigen Leben« (Arlette Farge) bildeten. Im Zentrum des Interesses stehen bei allen Beiträgen dieses Bandes die Besonderheiten der Sozialformen, die Kommunikationszusammenhänge innerhalb der vagierenden Gesellschaft und nach »außen«, die Lebenschancen, Lebensstile und Lebensweisen.

Inhalt

Gerhard Ammerer und Gerhard Fritz: Die Gesellschaft der Nichtsesshaften. Daseinsbewältigung, Lebens- und Umgangsformen; Karl Härter: Prekäre Lebenswelten vagierender Randgruppen im frühneuzeitlichen Alten Reich. Überlebenspraktiken, obrigkeitliche Sicherheitspolitik und strafrechtliche Verfolgung; Michael Gordian: »… ich bin nur zu schreiben bedacht von denen so itzund in Deutschland und vornemlich im Ertzstiffte Magdeburck vagieren«. Bettler und Vagierende in Ambrosius Papes »Bettel- und Garteteuffel« (1586); Gerhard Fritz: Bettler und Vaganten in Südwestdeutschland im späten 18. Jahrhundert nach Johann Ulrich Scholls »Abriß des Jauner und Bettelwesens in Schwaben«; Sarah Pichlkastner: Zwischen Sitzenbleiben und Herumlaufen. Die erlaubten Wiener BettlerInnen mit Bettelzeichen und die ihnen zugewiesenen Bettelplätze in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts; Pavel Himl: Sesshaft gemacht. Möglichkeiten, Mechanismen und Grenzen der (erzwungenen) Integration der vagierenden Bevölkerung in den böhmischen Ländern im 17. und 18. Jahrhundert; Gerhard Ammerer: Von »Gutschen«, »fleischlichen Begierden« und »Ehefleppen«. Partnerschaft, Sexualität und Nachkommen im Milieu der Landstraße; Martin Scheutz: Nur christliche Barmherzigkeit? Die Beziehungen von Vagierenden zu Sesshaften in der Frühen Neuzeit im österreichischen Voralpengebiet; Fabian Brändle: Braten, Branntwein, Bett und Bleibe. Wirtshäuser als populare Kommunikations- und Sehnsuchtsorte 1700−1900; Andreas Fischnaller: »… und das Sitzen that mir nicht gut!« Aus dem Leben des Tiroler »Taugenichts« und »Erzvagabunden« Simon Gschnell (1803–1826); Elke Hammer-Luza: Die »Stradafisel«. Sozialstrukturen und Alltagsleben einer steirischen Räuberbande in der Biedermeierzeit; Satu Lidman: Unehrlich, kriminell und gottlos? Vorurteile und rechtliche Maßnahmen gegen vagierende Personengruppen im frühneuzeitlichen Bayern.

Herausgeber

Gerhard Ammerer ist Professor für Österreichische Geschichte an der Universität Salzburg.
Gerhard Fritz lehrt als Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.